Die Möglichkeit eines Moments

Ich bin so müde, dachte sie sich als sie die Türe hinter sich schloss. Sie zog sich ihren Mantel aus und stellte ihre Tasche auf die Kommode. Auf die Kommode, die sie eigentlich nie wollte. Er meinte, die würde viel besser passen. Sie war mit ihrem nüchternen und kühl gehaltenem Vorzimmer immer sehr zufrieden gewesen. Er aber nicht. Ständig wollte er etwas verändern. In ihrer Wohnung, an ihrem Leben, an ihr selbst. Sie dachte sich, dass er schon wisse was gut für sie wäre. Sie selbst wusste es nicht. Oder meinte es zumindest nicht zu wissen. Vielleicht war es ihr auch einfach gleichgültig. Sie war mit allem einverstanden. Nach außen hin zumindest. Selbst wenn sie mal nicht wirklich glücklich war, sagte sie ihm nie etwas. Hauptsache er war zufrieden. Zufrieden mit ihr. War er es nämlich nicht, zog er sich zurück. Ohne ein Wort und ohne einer Erklärung. Nie wusste sie wann oder ob er wieder kommen würde. In der Zwischenzeit konnte sie sich nur Vorwürfe machen, Selbstzweifeln hingeben und versuchen die plötzliche Stille hinzunehmen. Aber mit dieser Art von Bestrafung konnte sie nicht umgehen, konnte sie noch nie und deswegen setzte sie alles daran, ihn nicht missmutig zu stimmen. Zu oft hatte sie etwas gesagt, was ihn verärgerte oder nachdenklich machte. Dabei wollte sie ihm nie Grund geben, etwas an ihr auszusetzen zu haben. Viel zu groß war die Angst, dass er sie dann wieder verlassen würde. Wie alle anderen zuvor. Diesmal wollte sie endlich alles richtig machen. Also versteckte sie sich lieber. Vor ihm, vor den anderen, vor ihr selbst. Stellte sich selbst, ihre Hoffnungen und Wünsche zurück. Hauptsache es gab jemanden der sie mochte. Oder eben den Anschein machte ihr trügerisches Selbst zu mögen. Dass sie selbst liebenswert war, sein konnte – diese Vorstellung hatte sie schon längst aufgegeben. War sie eigentlich noch wirklich oder doch nur mehr die Projektion anderer? Sie wusste darauf keine Antwort. Im Prinzip war ihr das auch gar nicht wichtig. Er war mit ihr zufrieden und das war alles was im Moment für sie zählte. Mehr nicht. Sie war in vielen Punkten schwach, aber sie wusste das sie wenn es um ihn ging stark war. Stark genug um alle Hürden zu nehmen, diese Beziehung so lange es ging aufrecht zu erhalten. Koste es was es wolle. Koste es sie auch ihren letzten Rest an Selbstliebe und Selbstschutz. Sie hätte wahrscheinlich alles getan um einfach nur geliebt zu werden. Sie blickte noch einmal kurz auf die rote Kommode. Sie steht noch immer hier. Er ist aber schon lange fort … 

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