Telefonat mit „Schatzi“

Zugfahren ist prima, Zugfahren ist fein – vor allem, wenn ich dadurch wieder Schreibstoff habe!

Ich sitze gerade im Zug, in einem offenen „Ruhe-Abteil“. Hier ist lautes Sprechen sowie Telefonieren und sonstiges Lärmen untersagt. Aufkleber in größerer Auflage fordern einen auf, sich daran zu halten. Das klappt auch bestens – nämlich gar nicht. Zumindest heute nicht. Da wird telefoniert was das Zeug hält und das in einer Lautstärke, dass auch die nächsten drei Abteile eine Freude daran haben. Bereits 5 Stationen lang durfte ich eine Jugendliche bei ihrem Telefongespräch belauschen. Was heißt hier durfte? Gezwungen wurde ich dazu! Als sie ausstieg kam Ersatz – ebenfalls ein Mädchen, ca. 17 Jahre alt und die packt auch gleich ihr Handy sowie ein Stimmvolumen aus, das hast du noch nicht gehört! 

So bekomme ich auch schön mit, dass sie mit „Schatzi“ telefoniert und die beiden tauschen sich über total wichtige Dinge aus, wie:  ihren körperlichen Zustand, seine Fahrtechnik, wo die beiden sich gerade befinden, vor allem wo sie genau im Zug sitzt, etc. Moment, jetzt schaut sie aus dem Fenster – fährt er mit dem Auto neben der Zugstrecke und telefoniert mit ihr?! Ja, Schatzi fährt doch tatsächlich neben dem Zug her! Hätte er seine Freundin doch einfach mitgenommen, so müsste ich hier nicht Ohrenzeugin jugendlichen Gesprächsstoffes oder dergleichen werden. Aber was weiß ich schon und mir doch eigentlich egal, warum sie fast die gleiche Strecke haben und dennoch getrennt fahren. Wahrscheinlich um so endlich einmal wieder miteinander telefonieren zu können.

Nach etwa einer halben Stunde ermahnt sie ihn, sich doch eher auf das Autofahren zu konzentrieren. Eine ausgezeichnete Idee! Aber mir scheint, er hört nicht so recht auf seine Freundin und ihr dürfte es auch nicht wirklich wichtig sein: „Da jump i halt drüber – ned tragisch.“ meint sie gerade. Was auch immer das jetzt zu bedeuten hat.

Halleluljah das „Schatzi“ scheint an seiner Zieldestination angekommen zu sein. In mir keimt die Hoffnung, dass das Telefonat damit sein Ende nimmt. Na gut, mein Wunsch scheint nicht in Erfüllung zu gehen, denn „Schatzi“ telefoniert weiter. Dafür erfahre ich jetzt die Preise ihrer nahegelegenen Videothek. Auch nicht schlecht stets über die aktuellen Kosten informiert zu sein und es geht weiter. So, jetzt noch schnell Essenswünsche austauschen: Er isst Pizza, sie wird sich gleich ein Wurstsemmerl kaufen.

Eigentlich unglaublich, was man im Laufe eines Tages so daherreden kann – vor allem am Telefon. Also nicht das ich was gegen Informationsaustausch am Mobiltelefon hätte, aber wenn das Gespräch anfängt in Richtung Belanglosigkeiten auszuufern, was jeder so im Laufe des Tages gegessen hat etc., dann verspüre ich einen heftigen Drang so schnell wie möglich das Thema zu wechseln bzw. gleich das Telefonat zu beenden. Aber leider, oder auch zum Glück – das kann man jetzt sehen wie man will – telefoniere nicht ich mit „Schatzi“, sondern seine Freundin und deswegen wird hier erst mal  nichts beendet.

Hey i muss mei Mama nu anrufen.“

Hey i muss mei Mama nu anrufen.“

Hey weißt was? I muss mei Mama nu anrufen.“

Weißt warum? Was? Weißt warum? Damit i ihr sagen kann, wie sehr i di hass. Na, natürlich ned (kicher, kicher), damit sie mich später abholt. Ich liebe dich Schatzi bis glei!“

Telefonat Nummer Eins wird beendet, Telefonat Nummer Zwei folgt prompt darauf.

Wow, jetzt weiß ich woher das Hör-Unvermögen und die laute Stimme des Mädchens herrühren – von ihrer Mutter. Der Anruf bei genau jener ist nämlich um mindestens ein paar Dezibelstufen lauter und somit des Rätsels Lösung. Wahrscheinlich wird generell in den heutigen Familien lauter gesprochen, als noch vor einigen Generationen. Kein Wunder bei all dem Autolärm, dem „Krach“ aus dem Fernseher und Radio, den ganzen Maschinen, Staubsaugern und anderen Haushaltsgeräten. Aber etwas sollte man dann doch noch lobend hervorheben: es handelt sich bei dem Telefonat um ein wirklich kurzes und sprachlich sehr knapp gehaltenes. Mein Dank geht somit an das oft schwierige Verhältnis zwischen Kindern und Eltern und der damit einhergehenden kurzen Angebundenheit!

Aaahhh Stille. Wie angenehm. Jetzt ist nur noch ein Rotzeln ihrerseits zu vernehmen. Kurz überlege ich, dem Mädchen ein Taschentuch anzubieten – blöderweise habe ich aber selber keines dabei. Dennoch ist mir diese Geräuschkulisse lieber als jenes Gespräch von vorhin, in dem in jedem zweiten Satz „Schatzi“ vorkommt. Ich sehe das jetzt aber alles einfach mal positiv: Erst durch Lärm, kann man die einkehrende Stille so richtig genießen.

Die Stille hält nur minimal an – „Schatzi“ ruft nämlich wieder an. Er hat sich gerade eine Ladekabel gekauft und dürfte laut seiner Freundin wieder zu schnell unterwegs sein. Ein „Ich leg jetzt auf, Schatzi!“ kommt jetzt in Dauerschleife, allerdings bleibt die angedrohte Tat aus. Echt schade! Aber zum Glück sagt der Schaffner bereits die Endstation durch und … oh, mein Handy läutet – ich muss abheben …

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