Party like it’s 1955

Was für ein Tag! Es gibt einfach Tage, die scheinen für einen nicht wirklich gemacht zu sein. Gar nicht einmal aus einem bestimmten Grund, sondern wahrscheinlich nur aus einer miesen Laune heraus. Nicht aus einer mir miesen Laune heraus, sondern der Tag hat es so für sich beschlossen. Sprich: Der Tag hatte selber keinen guten und ich durfte das dann wieder einmal ausbaden. Danke, für nichts … würde ich jetzt mal sagen. Zuhause angekommen, krame ich mal wieder gefühlte Stunden nach meinem Schlüssel, finde ihn und nach einem erleichterten „Halleluljah“ sperre ich meine Wohnungstür auf. Als ob ich damit die schlechte Laune draußen lassen könnte, schlüpfe ich rasch in meine Wohnung und knalle die Türe mit eben solcher Dynamik hinter mir wieder zu. Ich schäle mich aus meiner Jacke und begebe mich schon etwas erleichtert in die Küche.

Die Fertig-Lasagne wird dazu auserkoren, mir heute den Abend zu retten und so stelle ich sie gleich mal in die Mikrowelle. Während sie sich dort drinnen mit stoischer Ruhe dreht, suche ich nach einer Flasche genießbarem Wein. Ich entdecke einen ungeöffneten Merlot, Jahrgang Whatever und krame in einer meiner gefühlten 173 Laden nach einem Flaschenöffner. Mit der Restdosis an abhanden gekommener Geduld schaffe ich es den Korken nach immens spürbaren Widerstand aus der Flasche zu ziehen und – Atmung hin oder her – leere ich gleich einmal, mit einem ordentlichen Schwung, den guten Tropfen ins Glas und umgehend in meine Kehle. Der Schluck geht runter wie Öl und direkt in meine verkrampften Nervenbahnen. Ich spüre wie der Merlot seiner von mir erhofften Wirkung nachkommt und während die Mikrowellenuhr mir noch ‚5 Minuten‘ gibt, will ich in der Zwischenzeit für entsprechende Hintergrundmusik sorgen.

Der Plattenspieler mitsamt meiner kleinen aber feinen Plattensammlung ist mein Ziel und ich lasse per „Blindauswahl“ entscheiden. Ich fahre ein paar mal mit dem Finger über die Plattenreihen, gebe mir selber ein Stopp-Zeichen und greife nach der ausgewählten Platte. Als ich meine Augen wieder öffne, halte ich Charlie Parker in meinen Händen. Ausgezeichnete Wahl, denke ich mir und setze die Nadel auf den alten Tonträger. Nach einem kurzen Rauschen, ertönen schon die ersten jazzigen Klänge des Herrn Parker und plötzlich tauchen Bilder in meinem Kopf auf. Bilder von Damals, lange vor meiner Zeit. Einer Zeit, die mir aber in diesem Moment so unglaublich vertraut scheint. Ich versinke völlig darin und finde mich auf einer Party, irgendwo in New York so Mitte der 1950er Jahre, wieder.

Es ist Wochenende und die Stimmung ausgelassen. Das Apartment ist verqualmt und voller Leute, die aufgeregt miteinander sprechen oder in manchen Fällen sich auch gegenseitig anschreien. „Wir sind gestern bei Lesslie gewesen, seine neuesten Drucke sind wirklich unglaublich.“ Wer ist erbaulich?“ „Unglaublich. Lesslies Drucke!“ Es wird nicht geschrien weil sie generell ein Problem miteinander haben, sondern weil es einfach zu laut ist. An der Lautstärke scheint sich aber niemand zu stören. Keine nörgelnden Nachbarn, keine Polizei. Obwohl so ein Oldschool-Polizeieinsatz an diesem Ort hier sogar ziemlich abgefahren wäre. So einer in dem man versucht sich via Badezimmerfenster aus dem Staub zu machen. Aber noch befindet sich alles im grünen Bereich und ich zwänge mich weiter, durch verschiedenste Gesprächsfetzen und Gruppen von Menschen, die in ihren coolen Klamotten mir hier so natürlich und doch so außergewöhnlich erscheinen. Die Männer tragen alle Anzughosen, Hemden und Jackets. Auch wenn sie bei den meisten schon locker um den Hals hängt, die Krawatte fehlt bei keinem wie es scheint. Sehr stylisch die ganzen Aufzüge. Die Frauen haben bunte Cocktailkleider an und manche von ihnen tragen auch einzigartigen Kopfschmuck im Haar. Vogelparade Deluxe sag ich da nur. Je mehr ich mich durch die Party zwänge umso mehr vergesse ich meinen mittelprächtigen Tag. Schlechte Laune? Was ist das? Auf dieser Party bekommt man wirklich etwas geboten bzw. zu sehen. Wow. Das ist das einzige was ich im Moment heraus bekomme. Ich denke ich habe genug gesehen, es wird Zeit gezielt die Lauscher aufzustellen und zu hören. Ich bleibe bei einer Gruppe stehen, die sich gerade über aktuelle Schriftsteller unterhält. Ich klinke mich in ihr Gespräche ein und diskutiere mit, als ob es meine Zeit, ihre Zukunft, gar nicht gäbe.

Die Drinks schmecken mir und ständig werden mir Zigaretten angeboten. Ich nehme mir eine und schlängle mich weiter durch die Party. Ich gehe zu einem der vielen Fenster und öffne sie. Unter mir fahren Autos vorbei und Menschen gehen lachend oder hektisch die Straße entlang. Was für eine Atmosphäre denke ich mir. Einfach großartig. Am liebsten würde ich gar nicht mehr von hier weg. Plötzlich verstummt die Musik und als ich mich wieder umdrehe, sind alle Partygäste verschwunden. Ich gehe in die Küche und hole mir die Lasagne, die mittlerweile sogar etwas kalt geworden ist. Was soll’s, sage ich mit meiner mittlerweile wieder guten Laune und lasse Charlie Parker noch einmal eine Plattenlänge lang für mich spielen.

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