Wenn Teile sich zu einem Ganzen fügen

„Es ist irgendwie ungerecht!“, denkt sie sich und schraubt an ihrer neuen Kommoden weiter. Je tiefer sich die Schraube dreht, umso weiter drehen sich auch ihre Gedanken. „Er kann weiterhin tun und lassen was, wann und vor allem mit wem er will und ich? Wo bleibe ich bei dem Ganzen? Ich kann weder bis in die Morgenstunden fortgehen, mal das eine oder andere Glas Alkohol trinken – geschweige denn mich überhaupt einfach mal betrinken, weil die Woche davor eine reine Katastrophe war und nicht zu vergessen: jemanden Neuen kennen lernen. Du machst das Alles. Du führst dein Leben wie bisher weiter. Bei mir hingegen ist jetzt alles anders.“ Es kommt ihr nämlich vor, als ob ihr Leben sich derzeit in einem Paralleluniversum abspielen würde. Zwar nimmt auch sie weiterhin am gewohnten Leben teil, geht mal aus, trifft Freunde und Familie, macht ihre Arbeit und dennoch fühlt sich alles irgendwie anders an. Als sei ihr und das Leben der Anderen durch eine unsichtbare Scheibe getrennt. Einer Scheibe, die sie und das neue Leben, das in ihr entsteht vereint und beschützt, aber sie  an manchen Tagen abgeschnitten von dem Rest der Welt fühlen lässt.

Die Kommode nimmt langsam Form an und so wie sich das neue Möbelstück mit jeder Schraube und jedem Brett zu einem Ganzen zusammenfügt, verlieren sich ihre Gedanken unaufhörlich weiter. Sie ist wieder einmal Single, aber dieses Mal ist es anders. Dieses Mal ist sie Single und schwanger. Neuland. Zumindest was die Schwangerschaft anbelangt. Zugleich ist es einfach nur großartig, atemberaubend und vor allem wunderschön.

Plötzlich tauchen neue Gedanken in ihr auf: „Vielleicht empfindest du es als ungerecht, diesen ganzen Zauber nicht so miterleben zu können wie ich. Bist deswegen nur noch mit anderen Dingen beschäftigt. Eigentlich ist es fast mehr ungerecht, dass du unser Kleines nur von Außen betrachten und wahrnehmen kannst. Ich aber kann unser Kind jetzt schon täglich spüren und auf eine besondere Art wahrnehmen, die es eben nur werdende Mamis können.“ Der Gedanke daran, was sie gerade erleben kann, schwächt ihren Sinn für die vermeintliche Ungerechtigkeit augenblicklich ab. Vielmehr stimmt es sie milde und fröhlich. Sie denkt sich: „Fortgehen und jemand Neuen kennen lernen ist so gesehen überhaupt nicht mit dem vergleichbar was ich derzeit erlebe und fühle.“ Vor allen Dingen, wer sagt, dass man gleich dem oder der Einen begegnet? Das ständige Fortgehen und Kennenlernen hat sie ja schon zur Genüge gehabt. Jetzt kommt ein neuer Abschnitt, ein neues Abenteuer, eine neue Art zu leben, welche sie jetzt schon für Nichts in der Welt eintauschen möchte. Weder für etwas Feiern noch für die Chance auf den „einen“ Mann.

Sie schiebt die letzte Schublade in die Kommode und ist einfach nur noch zufrieden. Zufrieden und unsagbar glücklich. Was ihr das Leben derzeit bietet, ist so viel mehr und besser, als sie bisher erlebt hat, dass sie sich klar im Vorteil sieht. Nein, von der noch vorhin empfundenen Ungerechtigkeit ist kein Stück mehr geblieben. Im Gegenteil. Neue Gefühle haben sich in ihr breit gemacht: Das Gefühl von Liebe, welche für immer bleiben wird. Das Gefühl, unbeschreibliches Glück zu haben. Das Gefühl, Teil von etwas ganz Außergewöhnlichem und Einzigartigem zu sein.

Sie betrachtet das fertige Möbelstück und kann jetzt endlich das Ganze erkennen. Es ist definitiv kein Verlust, sondern der Jackpot schlechthin. Es ist der Gewinn einer neuen Freundschaft und von noch etwas viel Besserem: Eines neuen geschenkten Lebens.

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