Aufgewacht

Es ist dieses Erwachen, welches sie jedes Mal aufs Neue fasziniert. Da lebt man tage-, wochen-, monate-, vielleicht sogar jahrelang mit einer Wahrnehmung um dann plötzlich, von einem Tag auf den anderen, zu erwachen und festzustellen, dass alles auf einmal anders ist. Wohin sind die Gefühle, die einzelnen Meinungen und die vielen Ansichten, die scheinbar gestern noch alle da waren, hingegangen? Auch sie sucht gerade nach einem dieser Gefühle, welches für so lange Zeit ihr fester Begleiter war. Sie konnte sich auf dieses Gefühl ihm gegenüber immer verlassen und jetzt war es nicht mehr da. Verschwunden. Einfach so. „War es das jetzt?“, fragte sie sich. „Da hatte ich fast zwei Jahre lang das Gefühl, dass wir beide definitiv und gar nicht anders möglich als zusammenzugehören und dann ist es von heute auf morgen einfach weg, dieses eine Gefühl?“

Sie zieht sich ihre braunen Vintage-Boots sowie ihren grünen Anorak an, greift nach ihren Schlüsseln und verlässt die Wohnung. Etwas Bewegung würde vielleicht auch ihre Gefühlswelt wieder in Bewegung versetzen beziehungsweise ihre Gedankengänge etwas ankurbeln. Sie atmet die frische Luft ein wie jemand der kurz vor dem Ersticken war. Die Nacht hatte etwas Abkühlung gebracht und der Herbst hielt nun auch langsam mittels seiner Temperaturen Einzug. So früh an einem Sonntagmorgen waren die Straßen und Gehwege noch leer und genauso leer war gerade ihr Inneres ihn betreffend. „Jetzt ist es endlich passiert und ich bin aufgewacht.“ Eigentlich ein sehr ruhiges und angenehmes Gefühl, denkt sie sich dabei. Wie seltsam sich plötzlich alles anfühlt, wenn dieses eine Gefühl nicht mehr vorhanden ist. Natürlich hatte es immer wieder Anzeichen dafür gegeben, dass es irgendwann einmal doch so kommen könnte, aber ihr Glaube und vor allem ihr Wille daran, dass es einfach klappen musste, hatten sie all diese Vorwarnungen ausblenden lassen. Mit der Erkenntnis, dass es sich „ausgekämpft“ hat, kommt die innere Ruhe wieder zurück und mit diesem klaren Blick der ihr nun endlich möglich ist, sieht sie alles was einmal war in einem ganz anderen Licht. Neutral und objektiv. Ihr Blickwinkel ist an eine andere Stelle gerückt und lässt nun all das Gewesene aus einer weit größeren Perspektive zu. „Gestern hätte ich noch alles für dich, für uns beide gegeben. Hätte uns bis aufs Letzte verteidigt. Und heute ist alles anders. Heute bin ich endgültig aufgewacht.“

Sie steckt ihre Hände in die Jackentaschen und versucht sich auf dieses neue Gefühl einzulassen. Dieses Erwachen, wie aus einem lang geträumten Traum, zu verarbeiten. Obwohl man dieses Erwachen doch eigentlich bereits kennen müsste, ist man jedes Mal aufs Neue dann doch überrascht. Fühlt sich fast davon überrumpelt. „Aber gut, dass es jetzt da ist. Gut, dass ich mich jetzt auf einen neuen Weg machen kann.“ Sie geht noch eine Weile durch die ihr vertrauten Straßen und genießt diese besondere Ruhe bevor auch die Stadt langsam zu erwachen beginnt.

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