Mein innerer Kritiker

Wer von uns ist selbstkritisch? Mal ganz ehrlich? Hände hoch allerseits! Ich strecke gleich mal beide Arme in die Höhe, denn momentan bin ich wieder einmal mein allergrößter Kritiker. Vielmehr handelt es sich dabei um meinen selbst kreierten inneren Kritiker. Dieser wird vor allem in Zeiten von vermehrtem Stress besonders laut und dann auch immer sehr konsequent. Wahrscheinlich dürfte er ja durchgehend irgendwo in mir anwesend sein, allerdings kann ich ihn in den entspannten Phasen meines Lebens, vor lauter Meeresrauschen und Vogelgezwitscher nie hören. Es ist nun aber wie es ist: derzeit ist er hier und ich kann ihn definitiv hören und sehen.

Er läuft den ganzen Tag hektisch und nervös hin und her, durchforstet meine Gedanke und hinterlässt überall seinen Senf – und zwar wirklich überall. Nichts ist ihm gut genug. Jegliche Leistung meinerseits wird kritisch beäugt und für nicht ausreichend befunden. Mein innerer Kritiker würde im echten Leben einen perfekten Beamten abgeben. Allerdings einen, für den Spaß ein absolutes Fremdwort ist. Auf jedem I-Tüpfelchen muss er ausgiebigst herumreiten (das dürfte dann für ihn als ultimativer Spaß gelten) und ist in seiner Arbeit dermaßen genau, dass man es so gut wie unmöglich richtig machen kann. Selbst wenn man alles richtig gemacht hat, kommt von ihm dieser drohende „Ich habe dich im Blick“-Blick. Nein, mit meinem inneren Kritiker ist es wirklich nicht gut Kirschen essen. Denn selbst hier, würde er an jeder Kirsche bestimmt etwas auszusetzen haben. Was mache ich jetzt aber mit mir und meinem inneren Kritiker? Denn die Arbeit ruft und das ebenfalls sehr laut!

Natürlich ist das auch auf meinem eigenen Mist gewachsen, aber die Arbeit steht an und der Stress ist jetzt nun mal ebenso da, wie dieser innere Kritiker. Vielleicht sollte ich sowohl Stress als auch Kritiker mal gemeinsam auf ein Glas Was-auch-immer schicken. Eventuell würden sie dann endlich etwas lockerer werden. Das einzig Positive an der ganzen Situation ist, dass ich weiß, dass sowohl der Stress, als auch mein innerer Kritiker hausgemacht sind. Ich brauche nicht lange im Außen nach Schuldigen suchen und mich selbst als Opfer der Umstände brandmarken, sondern kann sofort auf die eigene Baustelle und mit der Arbeit loslegen. Ich muss somit nicht warten, dass sich eventuell Dinge im Außen verändern, damit ich wieder ein ruhiges Leben führen kann. Nein, die einzige, die hier wirklich etwas ausrichten kann bin ohnehin nur ich. Das gibt mir dann doch wieder ein Stück weit Kontrolle zurück. Allerdings fühle ich mich noch etwas planlos. Ich gehe deswegen einfach mal auf meinen inneren Kritiker zu, anstatt mich, wie gewohnt, gegen ihn zu stellen. Denn so seltsam das auch klingen mach, so hat er höchstwahrscheinlich mir das eine oder andere mitzuteilen. Also frage ich ihn einfach mal, was er denn genau von mir möchte und wie lange er denn bitte vor hat zu bleiben.

Plötzlich wird er ganz ruhig und fast schon etwas freundlich in Ton, Mimik und Gestik. „So lange du glaubst perfekt sein zu müssen, so lange bleibe ich – so einfach ist das. Ich mache hier nur meine Arbeit. Lockerst du die Vorschriften, werde auch ich lockerer in meiner Vorgehensweise. Je angespannter du bist, umso angespannter bin auch ich und umso akribischer verrichte ich meine Arbeit. Hörst du auf dir Gedanken zu machen, höre ich auf zu arbeiten. So easy ist das!“ Das Wort „easy“ hätte ich ihm jetzt gar nicht zugetraut, aber da ist wie es scheint vieles nicht so bei meinem inneren Kritiker wie ursprünglich angenommen. Fast schon sympathisch wird er mir hier mit seiner nüchternen und ehrlichen Art. „Frage dich mal selber ob all die Dinge die du dir vorgenommen hast auch wirklich genau so sein müssen und vor allem ob sie wirklich so wichtig sind?“, fragt er mich. In mir drinnen beginnt es plötzlich zu arbeiten. Naja, bei genauerer Betrachtung … ich muss mal überlegen. Gedankenbausteine beginnen sich auf einmal zu verschieben, vereinzelte Stücke vom blauen Himmel werden wieder sichtbar. Ich beginne meine Gedanken und Ansichten in Frage zu stellen. Je mehr ich loslasse, umso klarer wird es mir. Auch mein innerer Kritiker wird noch einmal deutlich: „Also, jedes Mal wenn ich auftauche liegt es an dir. Wir können gerne das Spiel immer wieder aufs Neue durchspielen: Du erlegst dir unnötige bzw. falsche Sichtweisen und Gedanken auf, beauftragst mich in Folge dessen, ich mache es dann so wie du möchtest und du bist letztendlich dann sauer auf mich deswegen – oder: ich agiere in Zukunft als dein persönlicher Weckruf, um die Dinge wieder mehr aus Distanz zu betrachten und zu beurteilen, um wieder mehr in deine innere Mitte zu kommen.“ Nicht verkehrt dieser Ansatz, denke ich mir. Plötzlich kann ich wieder leichter durchatmen. Generell fühle ich mich viel freier als noch eine Stunde zuvor. Alles ergibt jetzt irgendwie etwas mehr Sinn und vor allem Leichtigkeit.

In diesem Moment stoße ich aus Versehen die am Boden stehende, volle Kaffeetasse um. Alles verteilt sich dabei schön auf meinem weißen Teppich. Bis auf ein „oh“ kommt von mir aber seltsamerweise keine weitere Reaktion. Kein wütendes Aufschreien, kein Verfluchen, kein Ärgern – nur ein neutrales Wahrnehmen der Tatsache tut sich in mir auf. Ich gehe mit einer fast schon gespenstischen inneren Ruhe etwas zum Aufwischen holen. Noch etwas Gallseife (ein Hoch auf die Entdecker der Gallseife) über den Teppich geschüttet sowie verrubbelt und schon ist fast nichts mehr vom Kaffeefleck zu sehen. Ebenso wenig wie von meinem inneren Kritiker. Den kann ich nur noch von Weitem erkennen, wie er in rotem Hawaii-Hemd, Khaki Shorts und Flipflops gemütlich am Sandstrand entlang spaziert.

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